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Reiseberichte

Viele Hände zu schütteln

Das Hotel in Quetta, in dem wir abstiegen, war angeblich das einzige, welche Touristen aufnehmen würde, aber auf Overlander wie uns vorbereitet. Es gab gesicherte Parkmöglichkeiten im Innenhof, der gut Englisch sprechende Betreiber wusste uns bzgl. der Genehmigung zu helfen und auch trafen wir hier eine Gruppe von vier Russen mit ihren Motorrädern, die in der Gegenrichtung unterwegs waren. Eine super Gelegenheit, sich auszutauschen.
Der Hotelbetreiber und später auch die Polizei machten große Augen, als wir ihnen mitteilten, dass wir über Dera Gazi Khan und Loralai und nicht wie üblich über Sukkur gefahren sind. Denn diese Route sei (zumindest in der Gegenrichtung) seit Jahren wegen „zu großer Gefahr“ für Fremde gesperrt.
In Quetta fühlten wir uns schnell wie Käfighühner. Denn während Fahrten in der Stadt ohne Geleit absolut untersagt waren (ich erinnere an unsere Ankunft am Vortag), blieb es uns auch verwehrt, das Hotel zu Fuß ohne Polizeischutz zu verlassen. Eine Fahrt zur Tankstelle, ein Gang zum Obststand nebenan. Alles nicht erlaubt. Zu gefährlich.

Dass es in Quetta nach Anschlägen in der Vergangenheit tatsächlich gefährlich war, wurde uns ein weiteres Mal bewusst, als beim Frühstück am nächsten Morgen ein Hotelangestellter ins Esszimmer gerannt kam und uns fragte, ob wir die Explosion und die vielen Sirenen nicht gehört hätten.
Nur zwei Kilometer von unserem Hotel entfernt explodierte eine Autobombe. Der Anschlag, von örtlichen Separatisten ausgeführt, galt laut ersten Informationen einem höherrangigen Offizier des Militärs, dessen Konvoi wohl die Straße entlang fuhr. „Erfolgreich“ war der Anschlag nicht, jedoch wurden dabei zwei Zivilisten tödlich verletzt. Der zweite Anschlag, dem wir entgangen sind.

Zum lediglich einen Kilometer entfernten Home Department von Belutschistan ging es im Tuk Tuk – mit Polizeigeleit.
Erneut stellte sich uns die Frage, ob wir mit Polizei nun tatsächlich besser aufgehoben waren, als ohne. Aber eine Wahl hatten wir ohnehin nicht.
Beim Home Department angekommen bot sich Izaak und mir (die Frauen hatten erwartungsgemäß wieder zurück zu bleiben) ein Anblick, wie man ihn von der US-Botschaft in Islamabad erwartet hätte: bewaffnete Polizisten, Straßenabsperrungen, Wachtürme, zwei Sicherheitskontrollen, die es zu passieren galt.

Zu unserer Überraschung hatten wir nach nur zwei Stunden Warten bei Tee und Smalltalk die Genehmigung für die Weiterreise nach Taften (iranische Grenze) in der Hand.
Am nächsten Morgen waren wir bereit für die eigentlich als am kritischsten bezeichnete Etappe auf unserer Tour. Das Motoröl war gecheckt, die Scheiben gesäubert, der Luftfilter (mal wieder) provisorisch gereinigt.
Auf dem Weg aus der Stadt heraus wechselten die Eskorten drei Mal – also fast jeden Kilometer. Während wir an der Seite einer Kreuzung (mal wieder) auf die nächste Eskorte warten mussten, stieg ich kurz aus, um Izaak, der gleich hinter uns stand, etwas zu fragen. Sofort eilte ein Polizist zu mir und scheuchte mich zurück ins Auto – zu gefährlich! Als wenn wir in den Autos so viel sicherer wären...

Gepanzertes Polizeifahrzeug in Quetta
Landschaft bei Nushki
Gruppenbild mit Anje und Izaak

Von Quetta bis Taftan sind es ziemlich genau 600 km. Die Straße auf der gesamten Distanz erlaubt es, diese Strecke an einem Tag zu schaffen (so, wie es die Busse beispielsweise machen). Ist man jedoch Tourist mit eigenem Fahrzeug und auf die Polizei „angewiesen“, kommt man nicht um eine zweitägige Tour herum. Vorzeigen der Reisepässe, Warten auf die nächste Eskorte. Beides nimmt aufgrund der Häufigkeit viel Zeit in Anspruch. Daher hatten wir eine Zwischenübernachtung in Dalbandin. Die Straße näherte sich unterwegs bis auf 20 km an die afghanische Grenze und nicht selten konnten wir auch Kamele sehen. Eine Tücke hatte die Straße: die zahlreichen „Speed Bumper“, nicht markierte kaum zu erkennende dafür umso mehr zu spürende Bodenschwellen, die vor Polizei-Checkpoints und Bahnhöfen die Straße säumen. Solch eine Bodenschwelle versehentlich zu übersehen bietet immerhin den Vorteil, auch den richtig fest klebenden Wüstenstaub der vergangenen tausenden Kilometer problemlos aus dem Fahrwerk zu schütteln…

Landschaft bei Nushki
Sandverwehungen bei Dalbandin
Abseits der Straße
Landschaft bei Dalbandin
Blick aus dem Hotelfenster in Dalbandin
Kamele auf der Straße

Am frühen Nachmittag des 13. November erreichten wir Taftan. Nach 12 Tagen in Pakistan, in denen wir – sagen wir „unweit“ – von zwei Bombenanschlägen entfernt waren und die meiste Zeit im Hotel „festgehalten“ wurden, konnte uns das ansonsten freundliche Wesen der Einheimischen und das zwar triste aber sehr weitläufige und für uns völlig neue Landschaftsbild endloser Sand- und Steinwüsten nicht dazu bewegen, länger im Land zu bleiben – zumal es nicht im Interesse der Polizei gewesen wäre.
Hin und wieder bekamen wir während der Wechsel der Eskorten den Eindruck, dass die jeweils letzte Eskorte froh war, uns vom Hals zu haben. Als seien wir Magnete für Gewehrkugeln. Gleiches dachten wir umgekehrt von der Polizei selbst.

Pakistan war – bedingt durch die schwierige Sicherheitslage, die Polizei-Eskorten und den stark ausgeprägten sunnitischen Islam für uns eine völlig neue und auch im positiven Sinne abenteuerliche Erfahrung, die man so schnell sicherlich nicht noch einmal erfährt.

Prinzipiell sind wir jedoch froh, diesen Abschnitt hinter uns zu haben. Auf den nicht ganz 1700 km, die wir durch das Land gefahren sind, absolvierten wir etwa 1200 km in Polizeigeleit. Dabei passierten wir unzählige Checkpoints. An 19 mussten wir unsere Reisepässe vorzeigen. 42-mal wechselte unser Leitfahrzeug. Zahlen mussten wir für die Eskorten nicht. Nur einmal wollte ein Polizist (in Quetta) ein Trinkgeld haben.

Landschaft bei Dalbandin
Landschaft bei Dalbandin
Sandverwehungen

Die Ausreise aus Pakistan erfolgte schnell und unkompliziert. Die Einreise in den Iran sollte von Streitereien mit der Polizei geprägt sein.