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Reiseberichte

Bombenanschlag

Mit Indien hatten wir nun das Land verlassen, welches auf unser beider Sympathieliste bisher den letzten Platz einnimmt. Hoffentlich würden wir den unbeschreiblich chaotischen Verkehr sowie die endlosen Müllberge und katastrophalen Hygienezustände nun endlich hinter uns haben.

Vor uns lag jetzt Pakistan. Ohne Frage das sicherheitstechnisch kritischste Land auf unserer Tour nach Deutschland. Nebst dem Wissen einer ständig vorhandenen Gefahr von Anschlägen plagte uns die Ungewissheit, ob wir überhaupt durch die Provinz Belutschistan reisen dürften, an welcher es kein Vorbeikommen gegeben hätte.

Zunächst galt es, den hierzulande geltenden Kleidungsvorschriften nachzukommen. Für Nadine hieß das nebst selbstverständlicher Bedeckung der Schultern und Beine das Tragen von Kopfbedeckung (z.B. Hijab) sowie weiter Kleidung, die den Po bedecken. Auch Männer hatten langärmlige Kleidung zu tragen. Tolle Sache bei den (noch) hohen Außentemperaturen.

In Lahore trafen wir Anje und Izaak wieder und waren überrascht über das sehr freundliche Auftreten sowie die guten Englischkenntnisse der Einheimischen.

Lahore Fort und Moschee
Neugierige Kinder in Lahore
Marktstände in Lahore

Ein Anblick machte uns schnell klar, dass wir erneut in einem völlig anderen Land angekommen waren: an quasi jeder Kreuzung und vor jedem Behördeneingang standen Polizisten, bewaffnet mit den typischen AK47-Gewehren, dem meist verbreitetsten Sturmgewehr der Welt. Dafür war eine andere Gruppe Menschen kaum bis gar nicht zu sehen: Frauen.

Unsere Aufgabe war es, eine Genehmigung für die Durchreise durch Belutschistan im dafür zuständigen „Home Department“ (vermutlich mit „Heimatschutzministerium“ zu übersetzen) zu beantragen. Dummerweise war Wochenende und noch dazu lagen zwei muslimische Feiertage vor uns.

Am Morgen des 2. November, einem Sonntag, überlegten wir, wie wir den Tag nutzen würden. Unsere Idee war, am Abend die berühmte Grenzschließungszeremonie an der Wagah-Grenze, wo wir auch nach Pakistan eingereist sind, anzusehen. In ihren prachtvollen Uniformen, grimmigster Miene sowie Säbel rasselnd stolzieren dabei indische und pakistanische Wachen auf und ab, angefeuert und bejubelt von Besuchern auf beiden Seiten der Grenze, ehe diese zeremoniell geschlossen wird.

Aus reiner Faulheit entschlossen wir uns am Nachmittag, den Besuch auf den Folgetag zu legen und den Abend im Hotel zu bleiben.

Möglicherweise hat uns dies das Leben gerettet.

Denn genau an diesem Abend erfolgte am Ende der Zeremonie nahe des Besucherparkplatzes ein Bombenattentat, bei dem laut verschiedenen Quellen ca. 60 Menschen ums Leben kamen. Von dem Anschlag erfahren hatten wir zu allererst von Nadines Cousin und dessen Freundin aus Deutschland, die erste Meldungen im Internet gelesen hatten und sich nach unserem Wohlergehen erkundigten. Die pausenlos zu hörenden Sirenen auf den Straßen von Lahore sowie zahlreiche Menschen auf den Straßen ließen nur erahnen, welches Aufsehen der Vorfall erregt hatte.

Das Hotelpersonal bat uns, uns möglichst im Hotel aufzuhalten und Menschenansammlungen zu meiden, was wir auch taten. Der Besuch der großen Moschee und des Lahore Fort fielen damit für uns aus.

Grenzschließungszeremonie an der Wagah-Grenze
Eis essen in Lahore
Gebrannte Nüsse

Am Mittwochmorgen machten wir uns zu viert auf zum Home Department. Die Pakistanischen Beamten nehmen sich bzgl. Arbeitszeiten nicht viel von denen in Indien. Vor 10.00 Uhr braucht man hier mit keiner Präsenz zu rechnen.
Mit der Gewissheit, die Genehmigung für die Weiterreise auf jeden Fall zu erhalten, machten wir uns gegen Mittag wieder davon. Somit war uns klar, dass uns die deutsche Botschaft falsch informiert hatte. Anders ausgedrückt war es die zweite deutsche Botschaft, die uns nicht geholfen hatte.
Durch den Bombenanschlag am Sonntag kam es zu Verzögerungen in der Bearbeitung und somit konnten wir die Genehmigung erst am späten Freitagnachmittag abholen. Nun war aber wenigstens der Weg nach Quetta (und damit in die Region Belutschistan) für uns geebnet. In Quetta würden wir uns dann um eine zweite Genehmigung für die Weiterfahrt bis nach Taftan an der iranischen Grenze kümmern müssen.

Das „NOC“ („Non-objection certificate“), wie die Genehmigung genannt wird, erlaubte uns die Reise über Dera Gazi Khan und Loralai und ersparte uns somit die längere Route über Sukkur. Am Samstagmorgen verließen wir nach ganzen sieben Nächten – quasi ohne nennenswertem Sightseeing - Lahore und fuhren nach Multan.
Am nächsten Morgen ging es weiter Richtung Dera Gazi Khan und Belutschistan-Grenze. Wir passierten eine Mautbrücke, als uns nach einem halben Kilometer ein wild winkender Polizist auf seinem Motorrad einholte und an die Seite winkte.
Trotz Genehmigungsschreiben sollten wir an den Polizeistand nahe der Mautbrücke zurückkehren, wo wir erst einmal mit skeptischen Blicken von etwa sechs weiteren Polizeibeamten begutachtet wurden. Während Anje und Nadine bei den Autos bleiben sollten und von bettelnden Kindern belagert wurden, wurden Izaak und ich in das Büro des leitenden Beamten zitiert. Nach Vorzeigen der Genehmigung, unserer Pässe, Visa sowie Carnet-Dokumenten und einigen Telefonaten kreuzte nach insgesamt eineinhalb Stunden dann ein Polizeifahrzeug mit vier bewaffneten Polizisten auf der Ladefläche auf. Unsere erste Eskorte auf dem Weg nach und durch Belutschistan. Es sollten noch unzählige weitere folgen.

Es war nun bereits Mittag und wir hatten gerade mal einen Bruchteil der Strecke bis Loralai, der Stadt wo wir zu übernachten beabsichtigten, hinter uns. Wir erreichten die Kleinstadt Dera Gazi Khan und erfuhren schnell einen Vorteil der Polizeieskorte: mit Blaulicht und Hupen räumte uns das Auto die Straßen frei, fuhr häufig einfach ungebremst in eine Kreuzung ein und brachte alle anderen Fahrzeuge zum Halten. Fahren á la VIP-Kolonne? Eher nicht. Denn während das erste Fahrzeug uns noch recht zügig voran brachte, so nahmen die Wechsel der Eskorten (da die einzelnen Fahrzeuge stets nur ihre zugeteilten Abschnitte absicherten) meist erheblich viel Zeit in Anspruch. Zum einen, da wir häufig Pässe vorzeigen mussten und sich die Polizisten oft nicht helfen lassen wollten (wenn doch, so waren wir mit dem Eintragen unserer Daten in deren Bücher wesentlich schneller) und zum anderen, weil die nächste Eskorte nicht immer schon bereit stand und auf uns wartete.

Überladener Lkw
Kamel-Karavane
Checkpoint an der Belutschistan-Grenze

Wir verließen das Indus-Tal und damit sollten wir auf unbestimmt lange Zeit das letzte Mal grüne Landschaft (sofern man es denn so nennen konnte) gesehen haben. Die Straße schlängelte sich in die Berge hinauf, enge Serpentinen galt es zu passieren und nur noch wenige Autos kamen uns entgegen. Tolle Einstimmung auf dem Weg nach Belutschistan.

Die pakistanische Provinz Belutschistan ist eine der größten des Landes, teils reich an Bodenschätzen, jedoch gleichzeitig mit die ärmste Provinz. Die örtliche Bevölkerung fühlt sich von der Regierung ausgenutzt und im Stich gelassen und strebt seit langem die Unabhängigkeit an, was die Pakistanische Regierung mittels massiver Polizeipräsenz zu unterdrücken versucht.
Die Probleme und etwaige Zwischenfälle wie Bombenanschläge oder Entführungen in dieser Region sind daher nicht wie beispielsweise das Attentat an der Wagah-Grenze auf Taliban-Gruppen zurück zu führen, sondern auf Separatisten, welche gezielt gegen Regierungseinrichtungen, Polizei und Militär vorgehen. Mit diesem Wissen war uns nicht ganz klar, ob die Eskorten tatsächlich unserem Schutz dienen würden...

Mal ganz abgesehen von der nicht immer flüssigen Arbeitsweise und den zeitaufwändigen Wechsel der Eskorten waren die Polizisten stets freundlich, gut gelaunt und für einen Smalltalk zu haben.

Landschaft bei Fort Monroe
Landschaft bei Fort Monroe
Gruppenbild mit Polizisten

Unsere Anfrage, ob wir denn in Fort Monroe, welches auf unserer Route lag, übernachten könnten, wurde nach Rückfrage durch die Polizisten abgelehnt. Keine Ausländer erlaubt. Das verrieten uns dann auch groß und breit die Schilder, welche an dessen Abzweig an der Straße zu lesen waren. Ein weiterer Punkt auf der gefühlt unendlich langen Liste an inhaltlichen Fehlern in den verschiedenen Lonely Planet-Reiseführern.
Somit konnten wir uns schon mal auf eine lange Fahrt bis in die Kleinstadt Loralai einstellen. Denn es war Nachmittag, wir hatten Multan bereits seit über sechs Stunden hinter gelassen und gerade mal die Hälfte der Strecke hinter uns.
Eine Fahrt bei Nacht war demnach unvermeidlich. Das, wovor Reiseführer etc. strengstens von abraten. Die Einreise in die Provinz Belutschistan war dann relativ problemlos. Auf einer Strecke von etwa einem Kilometer verteilten sich drei Checkpoints. Und alle wollten unsere Papiere sehen und erneut dauerte es, bis die nächste Eskorte bereit stand.
Die Straßen wurden nun für eine Weile holpriger, die Eskorte langsamer und die Sonne fiel wie ein Stein auf den Horizont zu.

Irgendwann hielt die Eskorte (zu diesem Zeitpunkt war es etwa die achte seit Multan) an der Straße mitten im Nirgendwo an und meinte zu uns: „Mein Bereich endet hier. Die nächste Eskorte ist auf dem Weg. Wenn ihr wollt, könnt ihr ihr entgegen fahren.“. Nun hatten wir die Wahl: weiter fahren ohne Eskorte, oder eine unbestimmte Zeit lang hier warten. Inmitten einer nackten, finster werdenden Steinwüste. Auf solch eine Situation fallen jedem ein, zwei, drei Horrorfilme ein, die auf diese Situation passen. Daher: WIR FAHREN WEITER!

Mit der Einstellung „Im Dunkeln sehen alle Autos gleich aus“ redeten wir uns die Situation schön, stellten mit Rücksicht auf Anje und Izaak den Tempomat auf 85 km/h und holten unsere 130W-Spotlights aus dem „Winterschlaf“. Tatsächlich dauerte es gefühlt lange und sehr einsame 30 km in der Finsternis, bis uns die Eskorte entgegen kam. Scherzhaft klagte der Fahrer des Polizeiautos bei Begrüßung, nachdem er uns hinter einer Kuppe entgegen kam, über Sonnenbrand im Gesicht, nachdem er kurz in den Genuss unserer Scheinwerfer kam. Nun ging es wieder mit Polizeigeleit weiter … mit 65 km/h. Eine perfekte Geschwindigkeit, um für etwaige Nachwuchsterroristen eine gute Zielübung darzustellen. Und damit jeder auch gleich wusste, dass ein Polizeiauto mit Konvoi im Anmarsch war, schaltete der Fahrer der Eskorte auch noch sein Blaulicht ein, das man von jedem der uns umgebenden Hügel erkennen konnte. Auf der Straße selbst war keiner mehr unterwegs.
Im Gegensatz dazu machte er von seinem Fernlicht keinerlei Gebrauch. Ich hasse solche Autofahrer.

Straße bei Fort Monroe
Gruppenbild mit Polizisten in Loralai
Landschaft bei Qila Saifullah

Gegen halb neun abends erreichten wir dann die Stadt Loralai. Der Chef der an diesem Abend eingeteilten Eskorte brachte uns zu einem Hotel abseits der Stadt und teilte uns eine Gruppe von vier Mann als Wache zu.
Als wir aus den Autos stiegen, fiel uns mit einem Schlag die enorme Kälte auf. Wir waren auf schätzungsweise 1500 m ü. NN und die Temperaturen lagen um die 10°C. Nach all den Monaten bei stets 30°C und mehr war das für uns wie ein Sprung ins Eiswasser. Von Europa hätten wir selbige Temperaturen mit einem Minus vorne dran zu erwarten. Da ereilten uns plötzlich Zweifel über das Anfang dieses Jahres von uns gesetzte Ziel dieser Tour...

Freundlich gegenüber Gästen, wie Muslime normalerweise sind, bot uns der Polizeichef an, für die Unterkunft aufzukommen. Da wir jedoch nicht sicher waren, ob der Hotelbetreiber letztlich zu seinem Geld kommen würde, lehnten wir dankend ab und zahlten selbst.
Während Nadine, Anje und Izaak im Hotel blieben, die Beine hoch lagen und die kalte Dusche 'genossen', nutzte ich das Angebot des Polizeichefs, mit ihm in die Stadt zu fahren und schnell etwas zu essen aufzutreiben. Und so fand ich mich an dem Abend mitten in Pakistan in einem Polizeiauto mit drei bewaffneten Polizisten inmitten einer kalten kleinen trostlosen Stadt wieder.
Wir hielten in einer kleinen Gasse und betraten eine Küche, in der ein großer Mann mit typisch langem wuscheligen Bart und Hut gerade fleißig hinter den Töpfen stand. Der Polizist bestand darauf, das Essen zu bezahlen und nach einer halben Stunde waren wir mit salzig eingelegtem Rindfleisch, leicht würzigen Linsenmus, Naan (trockenes großes Fladenbrot) und ein paar Weintrauben wieder im Hotel. Eine willkommene Abwechslung nach all dem vielen Hähnchenfleisch in den vergangenen Wochen.

Um in der kalten Nacht Schlaf finden zu können, mussten wir nun erst einmal die im dritten Untergeschoss unseres Rucksacks verpackten dicken Kleidungsstücke ausgraben.

Am nächsten Morgen ging es weiter Richtung Quetta. Wir schlängelten uns bei regelmäßigem Eskorten-Wechsel durch die völlig karge Landschaft durch eine Bergkette hindurch, ehe wir wieder eine gut befestigte Hauptstraße erreichten.

Mann in Qila Saifullah
Landschaft bei Kanozai
Polizei-Eskorte bei Quetta

Gegen Mittag erreichten wir Quetta. Wir hielten an der Straßenseite und warteten auf ein weiteres und letztes Polizeifahrzeug, welches uns zum geplanten Hotel bringen sollte. Ein dann vorbei fahrender Polizist winkte uns zu und signalisierte uns, ihm zu folgen. Kaum ließen wir den Motor wieder an, war er aber auch schon weg. Wo war nun unsere Eskorte hin? Wir wissen es bis heute nicht. Letztlich machten wir uns dann selbst auf den Weg durch die hektische Stadt zum Hotel – „nicht erlaubt und höchst gefährlich“, wie wir uns in Kürze noch belehren lassen durften...