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Reiseberichte

Militär-Checkpoints, Goldene Stupas und Longyi

Erste Amtshandlung noch auf der „Friendship Bridge“ nach Myanmar ist das Wechseln auf die andere Straßenseite. Anders als sowohl in Thailand als auch Indien wird in Myanmar rechts gefahren. Wie in Europa. Prinzipiell ist das eigentlich richtig, da in über zwei Dritteln aller Länder ohnehin Rechtsverkehr herrscht und die heutigen Länder mit Linksverkehr fast ausnahmslos ehemalige britische Kolonien sind (Myanmar eingeschlossen). Dennoch war die Entscheidung der Regierung von Myanmar im Jahr 1970 ziemlich unüberlegt: die meisten Autos in Myanmar waren und sind auch heute noch auf Linksverkehr ausgelegt (u.a. günstige Importe aus Japan) und dem grenzüberschreitenden Handel mit seinen beiden großen Nachbarländern war dies auch nicht sonderlich förderlich. Nicht nur Izaak und ich hatten das Steuer nun „auf der falschen Seite“ (beide Autos aus Australien), sondern auch die meisten Einheimischen fahren ständig auf der Straße „außen sitzend“. Martina hingegen war mit ihrem in Deutschland zugelassenen Landcruiser nun am richtigen Platz.
Wir rollten runter Richtung Grenzgebäude, welches sich wie ein großer golden verzierter „Triumphbogen“ vor uns auftat. Und kaum hielten wir an, wurden wir auch schon von Ye, unserem Guide begrüßt und willkommen geheißen. Anhand seines weißen Hemds und dunkelblauen "Longyi" (in Myanmar üblicher Männerrock) merken wir schnell, dass wir im Begriff waren, ein anderes Land zu betreten. Nebst Fahrer mit dabei war ein Beamter des staatlichen Reiseunternehmens MTT. Er würde uns auf unserer gesamten Tour durchs Land begleiten, wäre unser „Passierschein“ für die vor uns liegenden Militär-Checkpoints und hätte täglich die Bewegungen unseres Konvois nach Yangon zu berichten. Davon bekommen wir aber nichts mit. Wie Ye machte auch er einen guten Eindruck und wusste viel über das Land zu erzählen, wie wir beim Small Talk später noch feststellen konnten. Nachdem wir alle Stempel gesammelt hatten, die Identifizierungsnummern der Fahrzeuge geprüft wurden, wir die temporären Genehmigungen in Form von Zetteln für die Windschutzscheibe erhielten und uns die ersten Myanmar-Kyat beim Geldwechsler holten, setzte sich der Konvoi nach ungefähr eineinhalb Stunden Einreiseprozedur in Richtung Kinpun in Bewegung. Vor uns lag eine Strecke von ungefähr 280 km. Das Besondere daran: auf dem ersten Abschnitt zwischen Myawaddy und Kawkareik ist die Straße, welche sich über eine kleine Bergkette schlängelt, so eng, dass der Verkehr tageweise abwechselnd darüber geführt wird. Zwar blieb uns Gegenverkehr erspart, doch solang sich ein Lkw-Fahrer nicht erbarmte, war ein Vorbeikommen an selbigen kaum möglich.

Hoch beladenes Fahrzeug
Straße bei Kawkareik
Karst

Während der ersten Kilometer erkannte man schnell, das Myanmar sichtbar rückständiger als beispielsweise Thailand ist: die Straßen sind in einem wesentlich schlechteren Zustand, es gibt zahlreichen Viehkarren auf den Straßen, Autos sind in einem katastrophalen Zustand und werden bis unter den Himmel beladen, Behausungen entlang der Straßen sind auf einfachste Weise aus Bambus und Palmblättern errichtet. Dem gegenüber stehen Soldaten und Polizisten an den zahlreichen Checkpoints auf unserer Strecke, gekleidet in blitzblanken Uniformen. Nur ein sehr kleines Beispiel dafür, dass 50% des Staatshaushaltes in Militär, Polizei und Geheimdienste fließen.
Von seiner positiven Seite hingegen zeigt sich die sattgrüne und vielerorts unberührte Landschaft im Osten des Landes. Palmöl- oder Kautschuk-Plantagen konnten wir keine sehen.
Nicht nur die männlichen Burmesen sind (anhand ihrer Röcke) leicht ihren Nachbarn zu unterscheiden. Vor allem Frauen und Kinder tragen sich im Gesicht ein helle Paste auf, welche aus feingeriebener Rinde bestimmter Baumarten besteht und "Thanaka" genannt wird. Sie wird von den Einheimischen als natürliche Kosmetik genutzt und soll zudem als Sonnenschutz dienen und gegen Hautalterung vorbeugen. Eine weitere besonders in Myanmar verbreitete Praxis ist das Kauen von Betel-Nuss, "Kun-ya" genannt. Dabei wird Arecanuss, Löschkalk sowie Aromen oder auch Tabak in ein Betelblatt gewickelt und anschließend gekaut. Was mitunter stimulierend wirkt, schädigt und färbt Zähne und Zahlfleisch und regt gleichzeitig die Speicheldrüsen an, wodurch die Konsumenten häufig die durch das Kauen entstehende rote Flüssigkeit überall hinspucken. Daher sind Gehwege und Straßen in Myanmar vielerorts mit großen roten Flecken gesäumt. Nicht schön anzusehen.

Wir schieben uns über die Bergkette Richtung Westen und bleiben nach einer Mittagspause am frühen Nachmittag das erste Mal liegen: das Guide-Fahrzeug hatte ein Platten. Während sich der Fahrer um den Reifen kümmerte, erhielten wir von dem MTT-Beamten die Bitte, ab Weiterfahrt bis zum geplanten Zwischenstopp nicht eigenwillig anzuhalten. Nachdem es erst vor drei Tagen zu Schießereien zwischen rivalisierenden Banden in Grenznähe gekommen ist, bei der wohl auch Fahrzeuge Unbeteiligter ins Kreuzfeuer geraten sein sollen und daraufhin die Grenze zwei Tage geschlossen war, sei die Situation aktuell in der Region erneut sehr angespannt. „Glück gehabt!“, dachten wir uns.
Nachdem das Rad gewechselt war, fuhren wir bis Thaton, wo wir die erste burmesische Pagode besichtigten. Im Anschluss ging es weiter bis nach Kinpun, dem Dorf am Fuß des Berges, auf welchem der berühmte Goldene Fels (Kyaikhteeyoe) sitzt. Auf dem Weg dorthin wurde es dunkel und wir mussten eine neue verrückte Angewohnheit südostasiatischer Autofahrer kennen lernen: Fahren ohne Licht. Während es inzwischen stockfinster war und regnete, waren über die Hälfte der einheimischen Verkehrsteilnehmer gänzlich ohne Licht unterwegs. Ob ihnen das Kun-ya zu außergewöhnlichen Sehvermögen verhalf, wissen wir bis heute nicht. Verkehrsbedingt und aus Gründen der Sicherheit hatten sich unsere Abstände zueinander inzwischen vergrößert und ich machte es mir gemäß dem Motto „Lernen oder Leiden“ zur Aufgabe, dass nicht eingeschaltete Licht der Einheimischen zu kompensieren: uns ohne Licht entgegen kommende oder vorausfahrende Autos, Motorräder und Lkw wurden gnadenlos mit Spotlights und Hupe behandelt. Einzig einem Arbeitselefant blieb dies erspart.

Hotel in Kinpun
Mönchsprozession
Straßenszene

Gegen 19.00 Uhr erreichten wir unser Hotel und genossen beim Abendbrot unsere ersten sehr leckeren Flaschen Myanmar-Bier, lernten Ye besser kennen und erfuhren mehr über die vor uns liegenden Tage. Noch am Abend stellten wir bei Martina einen platten Reifen fest, der am nächsten Morgen vor Abfahrt repariert wurde. Zwei platte Reifen am ersten Tag. Das sagt doch was über die Straßenzustände aus.

Markt
einheimischen Frauen
Langeweile hinterm Steuer

Unser Etappenziel am nächsten Tag hieß Nay Pyi Daw („Nei Pi Do“ ausgesprochen), eine Planstadt im Zentrum das Landes, welche 2005 von der Regierung als neue Hauptstadt von Myanmar ausgerufen wurde. Auf dem Weg dorthin hielten wir u.a. in dem kleinen Ort Waw, wo uns Ye über einen Markt führte und lokale Produkte zeigte und die Gelegenheit für den einen oder anderen Einkauf genutzt wurde. Feststellung: viele einheimische Snacks, die zum Verkauf ausliegen, sind so ungenießbar süß, dass man die Zusammensetzung kurz mit „100% Zucker“ zusammenfassen könnte. Allerdings entgingen Nadine natürlich nicht die zahlreichen Obstauslagen mit Maracuja, Salakfrüchten, Granatäpfeln, Zimtäpfeln und Mangostane.
Kurz hinter War erreichten wir den Yangon–Mandalay Expressway, der mit seinen knapp 590 km Länge die am besten ausgebaute Straße im Land ist und mit Yangon und Mandalay die beiden größten Städte sowie die Hauptstadt (dazwischen) miteinander verbindet. Erlaubt sind auf der Straße 120 km/h. Vielleicht nicht unbedingt des Belages wegen, jedoch aufgrund des (nicht vorhandenen) Verkehrsaufkommens ist dieser Highway meiner Meinung nach eigentlich bestens für den Praxistest neuster Sportwagen geeignet. Umso mehr hatte ich doch ziemlich darunter zu leiden, dass Martina und Izaak ihre Autos nicht über 85 km/h zu beschleunigen beabsichtigten. Dennoch genossen wir es alle, spürbar schneller voran zu kommen, als es auf den vorangegangenen Straßen seit Einreise der Fall war.
Während ich so im Auto auf- und ablief und überlegte, was man denn mit dieser aufgezwungenen Zeit und Untätigkeit so alles anfangen könnte, kam mir nur eine Idee. Prinzipiell durften wir uns auf dem Highway frei bewegen, sodass sich unser Konvoi (immerhin bloß vier Fahrzeuge) zwischenzeitlich auf 2 km und mehr erstreckte. Ich ließ mich weit zurück fallen und entschloss mich, unser blaues Biest mal testweise in die Spur zu schicken. Schließlich ist das ein Benzin-Motor. Und der braucht nun mal Auslauf! Es war Zeit, die Kolben zu säubern! Wir staunten nicht schlecht, als uns die dreieinhalb Liter Hubraum mit unseren 2,5 Tonnen auf 185 km/h beschleunigten. Ich hatte meinen Spaß! Von meiner geliebten Beifahrerin kam nur ein Kopfschütteln...

Uppatasanti Pagode
Uppatasanti Pagode
Gruppenbild

Nachdem diese Wissenslücke geschlossen war, erreichten wir am Nachmittag die Abfahrt zur Hauptstadt. Die Straßen zum und im Stadtgebiet waren teilweise sechsspurig (pro Fahrtrichtung!) und völlig leer. Es stand der Besuch der Uppasatani Pagode an, einer großen goldenen Pagode auf einem Hügel, welche der berühmten Shwedagon Pagode in Yangon nachempfunden wurde. Am Horizont braute sich ein Unwetter zusammen und wir hofften, die Pagode noch vor dem Regen besichtigen zu können. Wir hatten Glück. Neben dem wirklich beeindruckenden Gebäude, welches bei den Einheimischen eher unbeliebt ist (da es nur eine Kopie ist, die vermutlich unter Zwangsarbeit errichtet wurde), bekamen wir auch Weiße Elefanten zu sehen. Auf dem Weg durch die sehr sauberen Straßen mit ihren üppigen und sehr gepflegten Grünanlagen ringsherum passieren wir eine Straßenbaustelle, bei der die Arbeiter scheinbar gerade ihre Arbeit für den heutigen beendet hatten und nicht etwa selbstständig nach Hause liefen oder fuhren, sondern direkt von bewaffneten Soldaten in einen bereit stehenden Militär-Lkw eingeladen wurden. Ein Anblick, der vermutlich nicht für unsere Augen bestimmt war.
Auf der Weiterfahrt fielen uns die zahlreichen unterschiedlichsten Hotelbauten auf – eines größer und auffälliger als das andere – und alle waren quasi leer. Als wir in unser Hotel - das Myat Mingalar – einbogen, staunen wir nicht schlecht. Warum die Anlage, in der wir fast die einzigen Gäste waren, nur als Drei-Sterne-Hotel gelistet wird, wurde uns nicht ganz klar. Wir vermuteten zuerst, dass hier ein „merklicher“ Teil des nicht gerade günstigen Tour-Preises verloren ging, allerdings war uns auch klar, dass unserem Reiseführer von Regierungsseite her ziemlich die Hände gebunden waren bei der Buchung eines Hotels in der Hauptstadt. Und es hatte doch auch etwas Gutes: war man sonst nur billige, dreckige und laute Hotels (nicht selten mit stinkender Hocktoilette) gewohnt, war das mal eine gelungene Abwechslung. Izaak und ich machten uns sogleich mit einem Auto auf, in ein unweit gelegenes Einkaufszentrum zu fahren und ein paar Bier zu holen. Nachdem wir zurück waren und alle mit den teuren Restaurantpreisen des Hotels unzufrieden waren, machten sich Pierre und ich nochmal auf, Abendessen (und mehr Bier) zu kaufen. Hinterher verbrachten wir einen lustigen Abend in einem unserer komfortablen Hotelzimmer.

Am nächsten Morgen wurden wir wieder von Ye am Hotel erwartet und es sollte nun weiter Richtung Bagan gehen. Nachdem es uns verwehrt blieb, die pompösen Regierungsgebäude zu sehen zu bekommen, erhielten wir noch eine Rüge für das vorabendliche Fahren ohne Guide. Denn dies sei absolut nicht erlaubt. Gesagt, zur Kenntnis genommen.

Während unserer Tour stellten wir ohne Frage auch eine positive Seite der langsamen Fahrweise fest: sicherlich auch bedingt durch wenig bis kaum unbefestigte Straßen schafften wir mit einer Tankfüllung ganze 800 km (sonst nur um die 550 km).
Wir folgten dem Highway Richtung Norden und bogen auf Höhe Meiktila in Richtung Westen ab. Unterwegs hielten wir an einem Palmenzucker-Stand, bei dem Touristen die Gewinnung und Weiterverarbeitung von Palmenzucker vorgeführt bekommen und sich (natürlich) die Gelegenheit zum Kauf von Schnaps, Snacks auf Palmzuckerbasis und handgebasteltem Schmuck aus Bambus und Palmenblättern bot.
Wir erreichten Bagan, die „Must See“-Attraktion des Landes schlechthin. Nadine und ich wussten bereits von unserer Reise im vorherigen Jahr, was vor uns lag. Aber es war schon ein tolles Erlebnis, mal mit den eigenen Autos zwischen einigen der über 2000 erhaltenen Stupas hindurch zu fahren, welche die Ebene entlang des Ayeyarwady Fluss säumen. Jedoch befanden wir uns auch augenblicklich inmitten des Massentourismus. Diese Feststellung wurde gefestigt, als wir uns den Sonnenuntergang auf einer der Stupas ansahen.

Gruppenbild in Bagan
Sonnenuntergang in Bagan
Buddhistische Aufnahmezeremonie
Buddhistische Aufnahmezeremonie
Gruppenbild mit Autos
Pagode in Bagan

Am Abend trafen wir uns in einem Straßenrestaurant mit Ye und lernten auch Mutu, den eigentlichen Organisator der Reise, kennen. Er ist ein super netter Kerl, mit dem wir an dem Abend nicht nur ein Bier getrunken hatten.
In Bagan sollten wir uns nun für zwei Nächte aufhalten.