Switch to English site

Menu

Reiseberichte

Mit Schwefel in den Lungen zum Äquator

Gegen Mittag des 14. August ging es für uns mit der Fähre von Bali nach Java. Nachdem wir uns in drei Stunden vom zentralen Süden der Insel bis an die Westküste gearbeitet hatten, war es nun Zeit, sich von den Kleinen Sundainseln zu verabschieden.
Vor uns lagen mit den weit gezogenen Inseln Java und Sumatra zwei Vertreter der Großen Sundainseln.

Unser erstes Ziel auf der über 1000 Kilometer langen Insel Java war der Kratersee des Gunung Ijen im äußersten Osten der Insel, der Ort einer Schwefelmine ist und von Geologen als das "Größte Säurefass der Erde" bezeichnet wird.

Unterwegs auf den Straßen zum Gunung Ijen festigen wir unsere Ansicht, dass die durchschnittliche Reifenprofiltiefe der Fahrzeuge hier in Indonesien nach deutschem Recht etwa 3 Jahre Haft ohne Aussicht auf Bewährung entsprechen.

Mit der Zeit hatten wir bereits einige Wortgruppen in Indonesisch festigen können, die uns hier auf Java an vielen Ecken jedoch nicht weiterhalfen, da die Einheimischen in dem Fall nur Javanesisch sprechen, welches sich wesentlich von Indonesisch unterscheidet.

Unterwegs auf der immer schmaler und steiler werdenden Straße beginnen wir - Korrektur: das Auto - den Aufstieg Richtung Vulkan. Während wir an Reis- und Gemüsefeldern entlang fahren und uns über spürbar fallende Außentemperaturen freuen, grüßen uns einige Einheimische. Gegen halb vier am Nachmittag erreichen wir den Parkplatz von wo aus der Aufstieg zum Krater beginnt, müssen jedoch erfahren, mit selbigen bis zum nächsten Tag warten zu müssen.
Durch die Blasen dank Barfusstanzen am Vorabend hatten Nadine beim Gehen zu starke Schmerzen und entschied sich den Aufstieg am nächsten Morgen auszusetzen. Am Abend schliefen wir dank Temperaturen um die 16 Grad im Auto.

Am nächsten Morgen wachten wir gegen 6.00 Uhr auf. Es hatten sich bereits einige kleine Reisebusse eingefunden. Während Nadine am Auto blieb und sich ihren E-Books widmete, machte ich mich gegen 7.00 Uhr auf zum Kratersee des Ijen. Der Weg wird unterwegs richtig steil und in Erinnerung hiervon ist mir noch ein Familienvater, der Schwierigkeiten hatte, seine Frau sowie zwei Kinder zu motivieren, weiterzugehen. Meine windfeste Regenjacke, die seit Canberra in Australien kein Tageslicht mehr gesehen hatte, war perfekt dazu geeignet, den eigenen Körperschweiß verlustfrei in der Kleidung zu halten.
Während des Aufstiegs lerne ich den Träger Asnaui kennen. Er verbringt fünf bis sechs Tage die Woche damit, den Schwefel, welcher am Rande des Kratersees abgetragen wird, in Bambuskörben ins Tal zu einer Sammelstelle zu tragen. Von der Aufnahmestelle am Kratersee müssen sie zunächst 200 Meter zum Kraterrand aufsteigen, bevor sie den 3 km langen Abstieg zur Sammelstelle beginnen. In der Regel schaffen die Träger zwei Durchläufe am Tag und tragen pro Lauf 60 bis 100 kg mit sich. Davon zeugt auch seine vernarbte Schulter.

Gunung Ijen Träger
Kawah Ijen
Schwefelgewinnung

Oben angekommen bekam ich trotz viel Nebel einen guten Eindruck von der Größe des Kratersees. Mit ca. 950 x 600 Meter ist er um einiges größer als einer der drei des Kelimutu auf Flores.
Richtung See hinunter blickend, der 200 Meter tiefer liegt, sieht man dichte helle gelbliche Rauchwolken aufsteigen. Bereits oben am Kraterrand hat man den von Schwefeloxiden typischen Geruch nach faulen Eiern in der Nase.
Asnaui drückt mir eine richtige Gasmaske in die Hand und wir beginnen den Abstieg. Auf halber Strecke halte ich die Maske kurz vom Gesicht weg und muss sogleich husten von dem Gestank. Für mich unbegreiflich, wie die einheimischen Arbeiter es hier gänzlich und dauerhaft ohne Maske aushalten. Der Abstieg zum Kratersee ist sehr steil und der Felsen teils sehr rutschig. Unten angekommen stehe ich mit Asnaui vor dem türkisfarbenen Kratersee - dem Kawah Ijen. Der See hat stets eine Temperatur von über 35 Grad, weshalb man überall Dampfschwaden über der Wasseroberfläche sehen kann. Apropos Wasser: der pH-Wert des Sees liegt bei nicht mehr als 0,5. Damit ist er ein reines Säurebecken.

Der Gestank ist nun auch durch die Gasmaske hindurch zu merken und als der Wind kurz drehte, waren wir für eine halbe Minute in einer dichten Wolke eingeschlossen.
Am Kratersee des Ijen befindet eine der aktivsten vulkanischen Gasausströmungen der Erde, eine sogenannte Solfatare. An dieser strömen bis zu 250°C heiße Dämpfe, überwiegend bestehend aus Schwefeloxiden, Kohlenstoffdioxid und Wasserdampf, nach oben und treten an der Oberfläche, den Fumarolen, aus.
Zur Gewinnung des Schwefels werden die austretenden Gase durch ein Rohrsystem zu tiefer liegenden Entnahmestellen geleitet. In Verbindung mit Luftsauerstoff werden die Gase abgekühlt, kondensieren und treten als immer noch über 100°C heiße zähflüssige rötliche Masse aus, die nach weiterer Abkühlung zu gelben festem Schwefel wird. Dieser wird von den Arbeitern aus dem Fels gebrochen und ins Tal transportiert.
Durch Überhitzung kommt es vor, dass sich der Schwefel an der Oberfläche selbst entzündet und dabei mit leuchtend blauer Flamme brennt. Insbesondere bei Nacht soll dies sehr schön anzusehen sein und motiviert zahlreiche Besucher, bereits gegen 3.00 Uhr morgens zum Kratersee aufzusteigen.

Gegen 9.00 Uhr zurück am Auto wasche ich mir die Haare und wechsle komplett die Kleidung. Dennoch sollte uns der Geruch noch eine Weile begleiten.
Nun wollten wir zum Gunung Bromo, einem weiteren Vulkan auf Java, der aufgrund seiner atemberaubenden Aussichten zu den Top Attraktionen von ganz Indonesien zählen soll.

Auf dem Weg dorthin erreichten wir die Region, über der vor etwa elf Monaten in einem Flugzeug die Idee zu dieser Autoreise entstand. Und nun waren wir tatsächlich dabei, mit dem Auto von Australien nach Deutschland zu fahren. So schloss sich der Kreis. Irgendwie schwer zu glauben.

Gegen 15.30 Uhr erreichen wir das kleine Dorf Cemoro Lawang, den östlichen Eingang zum Nationalpark Bromo-Tengger-Semeru.
Der Gunung Bromo ist, wie wir zuvor nur gelesen haben, von einem großen flachen Sandmeer umgeben, zu dem man geführte Jeep-Touren unternehmen kann.
Entgegen der Erfahrungen anderer Individualreisender, die mit ihrem eigenen Fahrzeug nicht ohne Begleitung passieren durften, hatten wir Glück und keiner hielt uns auf. Wir passieren die Schranke und halten nach der ersten Kurve an der Straßenseite und staunen über die Weitläufigkeit des Geländes und erblicken den leicht rauchenden Bromo und im Hintergrund den Gunung Semeru, den höchsten Vulkan der Insel Java.
Nun erkannten wir erst richtig, was tatsächlich mit "Sandmeer" gemeint war. Vor uns breitete sich eine riesige dunkle Sandwüste aus und nur ganz vereinzelt erkannte man - winzig klein - einzelne Jeeps. Ich fing sofort an mich wie ein kleines Kind zu freuen und konnte es kaum abwarten, den Berg hinunter zu düsen und in das Areal einzubiegen.
Allradmodus mit Differentialsperre rein und los!
Die Landschaft warf uns schlicht weg um. Inmitten einer windigen staubigen dunklen und flachen Sandwüste erhoben sich pyramidenartig der Bromo und sein fotogener Nachbar Gunung Batok. Am Fuße beider Vulkane liegt ein kleiner Hindutempel, zu dem wir uns als erstes aufmachten. Es fiel mir richtig schwer, dass Auto zu verlassen. Wollte ich mich doch einfach nur im Sand austoben. Um eine bessere Sicht über das Gelände zu erhalten, machten wir uns auf, den Bromo zu besteigen. Da Nadine große Probleme beim Laufen aufgrund der Blasen an ihren Füßen hatte, kamen uns die herbei geeilten Reiter auf ihren kleinen Pferden ganz recht. Während die Dame sich auf dem Rücken des Gauls den Berg hinauf tragen ließ, hechelte ich als Fußsoldat nebenher.
Die letzte Treppe blieb aber auch Nadine nicht erspart und oben angekommen kam nun auch sie in den Genuss von Schwefeloxiden in der Luft.

Die Zeit verging für uns wie im Fluge und die Sonne stand bereits tief. Da wir das Gelände Richtung Westen über die Offroad-Piste verlassen wollten und nicht wussten, wie lang dies noch dauern würde, machten wir uns auf den Weg.
Im Auto prallten dann noch mal zwei Denkweisen aufeinander. Nadine hatte viel Mühe, mich hinterm Lenkrad und am Gasfuß zu zügeln, hätte ich doch am liebsten die Sandwüste einmal komplett umgepflügt. Aber wir hatten zum Zeitpunkt ja noch nicht mal ein Drittel der Reise hinter uns. Also galt es, die Ausrüstung (das Auto) etwas zu schonen. Voll blöd!

Bromo-Tengger-Semeru-Nationalpark
Bromo-Tengger-Semeru-Nationalpark
Bromo-Tengger-Semeru-Nationalpark

Die südwestliche Route hatte es mit seinen tiefen Schlaglöchern und groben Geröll ganz schön in sich. Steiler und schmaler werdend dauerte es eine ganze Weile, bis wir den Ausgang erreicht hatten, wo es dann ganz schön nach Kupplung stank.

Traditionelle Tänzer in Yogyakarta
Borobudur
Prambanan

In den folgenden Tagen führte uns unsere Route durch den chaotischen Verkehr von Java über Semarang nach Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens. Wir hatten das unbeschreibliche Talent, hier an einem Wochenende am Unabhängigkeitsfeiertag anzukommen. Nahezu alle Sehenswürdigkeiten waren geschlossen und so konnten wir aus der Stadt, die mehr Hochhäuser als irgendeine andere Stadt Südostasiens zu haben schien, kaum Impressionen mitnehmen. Negativ in Erinnerung blieb die verwirrende Straßenführung, wonach der Verkehr sehr oft über U-Turns geleitet wird: man kann beispielsweise häufig wegen baulicher Trennung nicht rechts abbiegen, muss stattdessen links abbiegen und nach einem Kilometer dreht man dann um in entgegen gesetzte Fahrtrichtung.

Nasi Special
Masjid Agung Semarang
Masjid Agung Semarang

Nach über 1500 km auf der Insel Java war es für uns Zeit, auf die letzte indonesische Insel auf unserer Tour überzusetzen.
In dem Bewusstsein, bei der baldigen Verschiffung unseres Autos von Sumatra zum malaysischen Festland erneut mit Verzögerungen rechnen zu müssen und dem Wissen, wenig Zeit bis zur bevorstehenden Myanmar-Durchquerung zu haben, hatten wir keine großen Pläne für diese Insel gefasst. Traurigerweise kommt hinzu, dass die wohl sehenswertesten Orte auf Sumatra alle im fernen Norden der Insel liegen und damit nicht auf unserer Route.
Auf Sumatra angekommen reihten wir uns in den dichten Verkehr auf den nur wenigen Straßen der Insel ein.
Eindeutig dominiert werden die Straßen Indonesiens von großen nach europäischen Verständnis stets völlig überladenen Lkw, die an jeder noch so kleinen Steigung häufig bis auf Schrittgeschwindigkeit zurück fallen. Während sich die Minister in Europa um die neusten Schadstoffklassen streiten, blasen die Lkw in Indonesien schwarze Rauchwolken aus, die selbst Vulkane einschüchtern könnten.
Die schier endlose Zahl solcher, die wir zu überholen hatten, hat den Luftfilter unseres Pajero quasi vergewaltigt. Nach dem ich dieses Stück Kohle später entnommen hatte, um es zunächst selbst zu säubern, war ich positiv erstaunt, dass der Motor damit überhaupt lief.

Schülerparade
Jakarta Altstadt
Überladener Lkw

Während im Vergleich zu Java die Zeit in Sumatra etwas stehen geblieben schien, blieb uns vor allem die lokale Küche in Erinnerung. Denn die war noch schärfer, als bisher von Indonesien gewohnt.
In Palembang ließen wir einen Ölwechsel durchführen und das Fahrwerk checken. Nachdem wir am Ende dieses Tages nach 12 Stunden nur 370 km geschafft hatten, vertrauten wir unserer Müdigkeit, uns an einem großen Lkw-Rastplatz trotz Hitze in den Schlaf zu schicken. Nachdem wir 22.00 Uhr immer noch kein Auge zu bekommen hatten, suchten wir uns dann doch noch ein Hotel.
Unser Ziel auf Sumatra hieß Dumai, einer mit ca. 300.000 Einwohnern kleinen Hafenstadt, in der wir hofften, eine Möglichkeit zur Verschiffung unseres Autos rüber nach Malaysia zu finden. Auf dem Weg dorthin kreuzten wir den Äquator.
Einen ganzen Tag verbrachten wir damit, von einer Behörde zur nächsten zu rennen und zahlreiche Leute nach einem Schiff zu fragen, dass unser Auto mitnehmen könnte. Die letztlich erfolglose Suchaktion gipfelte mit dem Passivrauchen von geschätzten 14 Zigaretten in dem engen Büro des Hafenkapitäns.
Also ging es in den nächsten zwei Tagen weiter in Richtung der 550 km entfernten Großstadt Medan.

Da wir bereits von anderen Reisenden die Kontaktdaten einer günstigen Spedition erhalten hatten, war es uns hier möglich, die Verschiffung des Autos schnell zu organisieren, während die Stadt selbst nichts zu bieten hatte. Da wir nicht von Dumai aus verschiffen konnten und es in Medan keine Fähren gibt, blieb es uns nicht erspart, doch noch einmal in den Flieger zu steigen. Und so sollte uns ein Airbus A320 der AirAsia nun nach Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia bringen.

Mit dem Öffnen eines Containers in Dili in Timor-Leste fing unsere Etappe durch den Pazifik an. Und mit dem Schließen eines selben hier in Medan nimmt sie ihr Ende. Indonesien, ein Land, wie es vielseitiger kaum sein kann, wird uns positiv in Erinnerung bleiben. Man könnte Jahre im Land der über 17000 Inseln verbringen und hätte doch noch nicht alles gesehen. Und doch haben wir auf unserer Tour von der Insel Timor bis in den Norden Sumatras, aber auch auf unserer Reise im Jahr 2013 viel erleben und sehen können.
Wir sagen Terima kasih dan sampai jumpa (Danke und auf Wiedersehen)!

Das Festland ruft.