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Reiseberichte

Serpentinen, Vulkane, Komodo-Warane … und eine Flucht

Links, rechts, links, rechts – nahezu im 10-Sekundentakt drehe ich das Lenkrad in 180°-Bewegungen hin und her, während wir uns durch die endlos vielen Serpentinen auf der Insel Flores durch die grüne Landschaft schlängeln. Würde das die ganze Tour bis Deutschland so gehen, müssten wir noch drei weitere Reifensätze kaufen. Und Nadine würde am nächsten Flughafen aussteigen und mich mit samt Auto zum Teufel jagen. Als Beifahrer empfindet man solche Straßen ja ganz anders als der Fahrer selbst.

Von Maumere aus reisen wir westwärts und biegen nach einem kleinen Abstecher auf einer für Autos eigentlich nicht wirklich befahrbaren Piste auf die Straße rauf zum Gunung Kelimutu ein.
Kelimutu ist ein Vulkan im südlichen Zentrum der Insel Flores, welcher durch seine drei verschiedenfarbigen Kraterseen Bekanntheit erlangte.
Während wir uns zu Fuß inmitten zahlreicher Einheimischer Richtung Gipfel hinauf bewegen, müssen wir geschätzt 15-mal anhalten und für Fotos herhalten. Gerade Nadine mit ihren blonden Haaren scheint für die Einheimischen mehr Attraktion als der Kelimutu selbst zu sein. Diese Situation erinnerte uns an unsere Reise durch China im März und April 2013: die Einheimischen sind neugierig aber meist zu schüchtern, um zu fragen. Keine Ahnung warum. Aber: wehe, es traut sich dann doch mal einer uns zu fragen (wir sagen da niemals nein!): mit einem mal strömen auch alle anderen herbei und wir werden ähnlich wie ein süß anzusehendes Tier im Zoo durchgereicht und lächeln in eine Kamera nach der anderen. Nachdem wir schließlich unser festgewordenes Lächeln wieder abgeschraubt haben und den ersten Aussichtspunkt auf zwei der drei Kraterseen erreichen, staunen wir nicht schlecht: eine schmale Felswand trennt einen pechschwarzen von einem eisblauen Kratersee. Bis heute ist die Ursache für die Entstehung dieser Verfärbungen nicht gänzlich geklärt. Grundsätzlich sollen jedoch die darin gelösten Mineralien die verschiedenen Farben hervorrufen. Während der eisblaue Kratersee mit seinen darüber schwebenden Dämpfen nahezu immer die gleiche Färbung hat, wechselt sein schwarzer Nachbar nach einigen Monaten auch hin zu rötlichen bis gelblichen Färbungen. Der dritte Kratersee, den man vom Gipfel aus sieht, zeigt sich in einem dunklen Grün.
Die Einheimischen des nahegelegenen Dorfes Moni glauben, dass die Seelen der Verstorbenen ihren Weg zu einem der drei Seen finden.

Straße auf Flores
Nadine mit Einheimischen
Makake und Kratersee

Am Nachmittag sind wir wieder unterwegs. Links, rechts, links, rechts … … … links, rechts, links, rechts.
Die nächste Stadt auf unsere Streck ist „Ende“ (die heißt so!). Bevor wir diese jedoch erreichen, durchfahren wir auf der engen und kurvigen Straße erneut eine von bereits vielen Baustellen. Zwei Baggerfahrzeuge mit ihren Hydraulikhämmern sind dabei, die Felswand auf der bergzugewandten Straßenseite abzutragen, damit später die Straße verbreitert werden kann. Auf der hangzugewandten Seite wird derweil abwechselnd der Verkehr beider Fahrtrichtungen vorbeigeleitet. Es liegt sehr viel großes Geröll herum und es war nicht mehr viel Platz zwischen uns und dem ersten Baggerfahrzeug, welches sich gerade dreht, als wir es passieren.
Die nächste Szene kannten wir bisher nur aus Filmen: während wir uns im Schritttempo weiter durch die Baustelle schlängeln, lockert sich direkt neben uns plötzlich ein über Auto-großer Fels an der Wand. Einige umstehende Bauarbeiter riefen plötzlich laut „Hatu Hatu Hatu!!!“ (Achtung Vorsicht!!!).
Der Fels löst sich immer weiter, wird nur noch von wenigen dicken Baumwurzeln zurück gehalten, während ringsum bereits viel kleines Geröll abgeht. Ohne Rücksicht auf das Geröll vor uns auf der Straße prügle ich schnell mein gesamtes Körpergewicht in das Gaspedal.
Wir wissen nicht, ob und wie der Fels dann noch runter kam. Auf jeden Fall haben wir keine uns folgenden Autos im Rückspiegel mehr sehen können.
Schließlich erreichen wir Ende (die Stadt), wo wir uns ein „Nasi Ayam Goreng“ und „Nasi Ayam Ikan“ (Reis mit Gemüse und Hähnchenfleisch bzw. Fisch) einpacken lassen, das Auto volltanken und anschließend weiter fahren (links, rechts, links, rechts).

Reisterrassen auf Flores
Südküste von Flores
Gunung Ebulobo
Enrico mit Einheimischen
Bena
Südküste Flores

Am späten Nachmittag parken wir an einem Strand, um hier die Nacht zu verbringen. Am Abend sollte uns die Situation noch zur Flucht zwingen.
Es war gegen 21.00 Uhr und wir wollten uns nach einem Film gerade hinlegen und schlafen, als wir Taschenlampen und Stimmen rund um unser Auto bemerkten. Mindestens zwei Personen liefen um unser Fahrzeug und versuchten, hinein zu leuchten. Es war bereits komplett dunkel und aufgrund unserer Sonnenblende in der Windschutzscheibe, den schwarzen Mückennetzen über den Seitenscheiben und unseren Vorhängen war es denen nicht möglich, ins Auto zu schauen.
Dann Klopfen und ein lautes „Hello?“. Dann noch eins. Ich steckte meinen Kopf vorsichtig durch eine der hinteren Seitenscheiben und erkannte zwei Jungs um die vermutlich 16 bis 18 Jahre alt. Es stank nach Alkohol. Was sie denn wollten fragte ich auf Englisch und zählte nach einem Moment plötzlich vier Personen. Sie schlichen flüsternd ums Auto und inspizierten es genau, konnten aber kein einziges Wort Englisch und wussten auch die Aufschrift am Auto nicht zu deuten. Auf Indonesisch versuchten sie mir etwas zu sagen. Mit ruhigem Lächeln und Gesten gemäß „ich verstehe nicht“ und „bitte lasst uns in Ruhe, wir wollen schlafen“ versuchte ich, sie abzuwimmeln. Aber sie gingen nicht, zogen an ihren Zigaretten und versuchten irgendwie, grimmig einher zu blicken. Etwa zwei Minuten ging es dann so hin und her: ich auf Englisch, die anderen auf Indonesisch. Sie wollten einfach nicht gehen. Während einer der vier die Motorhaube abtastete als würde er eine Leiche inspizieren, der andere telefonierte und wie es mir vorkam, weitere Leute herbei rufen zu wollen, verstand ich von dem dritten ein Wort: „Rupiah!“ „Rupiah!“. Mit einem langen, zügig aber gelassen gesprochenen englischen Satz versuchte ich weiter Unverständnis zu vermitteln. Uns war nun klar: die wollten Geld von uns. Die nach Wodka stinkenden Kerle machten nicht die geringsten Anstalten zu gehen. Im Gegenteil: aus mir unerklärlichen Gründen grabschten sie vorne an der Karosserie und den Reifen herum, dass man schon von sexueller Belästigung eines Autos hätte sprechen können.
Nach einem Moment klebten die Jungs dann wieder an beiden Seiten des Autos, ihre Stimmen klangen nun bösartiger und entschlossener. Uns wurde das Ganze zu heiß.
In dieser Situation war ich froh über das zum Thema Flucht bei der Bundeswehr und im Buch von Rüdiger Nehberg Gelernte.
Das Auto stand – so wie wir es immer machen – in Fluchtrichtung, der Fahrersitz wie immer komplett frei. Ich kletterte vor, legte den ersten Gang ein, löste die Handbremse, nahm die Blende von der Frontschutzscheibe, zündete den Motor und fuhr mit Vollgas durchs Dickicht davon. Die Kerle schrien uns hinterher und warfen noch mit irgendwas nach dem Auto. Ein Stein war es zum Glück nicht.
Barfuß und nur in Schlafhose fuhr ich auf die Hauptstraße zurück, während Nadine noch im Bett lag. Nach etwa zwei Kilometern hielten wir an der Seite, zogen uns an und räumten das Auto um, um im Anschluss im Dunkeln nach einer anderen Stelle zum Nächtigen zu suchen. Nach wenigen Kilometern parkten wir dann in einer kleinen Seitenstraße.
Somit hatte der Tag für uns dann doch eine gewisse Portion Abenteuer. Erneute Feststellung nach dieser Aktion: wir lieben unser Auto! Sichtbare Schäden haben wir am Folgetag nicht feststellen können.

Stachel-Seidenspinne
Labuan Bajo Sonnenuntergang
Komodo NP

In Labuan Bajo angekommen tankten wir das Auto für umgerechnet rund 30 Euro voll und suchten uns eine Unterkunft. Dusche, Klimaanlage und Internet. Luxus vom Feinsten. Labuan Bajo ist das Tor zum direkt davor liegenden Komodo Nationalpark. Sowohl Heimat der dort lebenden gleichnamigen bis zu drei Meter langen Warane als auch großes Tauchgebiet. Wir reihten uns bei einem Tauchausflug inklusive Besichtigung der Komodo-Warane auf der Insel Rinca am Folgetag ein.
Auf dem Boot lernten wir Italiener, Spanier, Australier und auch Deutsche kennen.
Wir machen zunächst Halt auf der Insel Rinca, wo wir eine etwa einstündige Trekkingtour unternehmen und dabei fünf Komodo-Warane zu sehen bekommen, drei sogar aus nächster Nähe. Während die bis zu 3 Meter langen Tiere, die erst nach etwa 20 Jahren ausgewachsen sind, meist energiesparend regungslos im Schatten liegen (so wurde es uns erklärt), bekommen wir zwei in munterer Bewegung und ein Weibchen beim Bau eines Nestes zu sehen. Neben den Waranen ließen sich auch Reinwardthühner, Javaneraffen und Mähnenhirsche blicken. Nach der Wanderung auf einen Hügel, von dem man noch einmal eine recht gute Sicht auf benachbarte Inseln hat, geht es zurück aufs Boot und anschließend zum ersten Tauchspot. Zuvor wurde von anderen Tauchern und Kursleitern noch in höchsten Tönen von den Tauch-Spots geschwärmt, was unsere Erwartungen leider viel zu hoch schraubte. Denn letztlich waren wir etwas enttäuscht und auch hatten wir beim zweiten Tauchgang, der dem Sehen von Manta-Rochen gedacht war, kein Glück, da die Strömung zu niedrig und damit Plankton nicht ausreichend vorhanden war.

Komodo-Waran
Suppenschildkröte
Insel Rinca

Heute, am Mittwoch den 6. August, standen wir genau wie vor zwei Tagen schon wieder am Hafen. Dann die Gesichtsklatsche: keine Fähre bis 8. August. Das wurde uns dann von drei Einheimischen bestätigt. Buchungsverlängerung im Hotel. Mehr Geld weg an einem Ort, den wir schon lange hinter uns gelassen haben wollten. Aus Zeitgründen werden wir nun einen Trip auf die Gili-Inseln bei Lombok streichen müssen. Wir sitzen wie auf Kohlen. Und das Benzin verdunstet und der TÜV läuft ab, während wir hier in Labuan Bajo rumstehen.
Vielleicht gehen wir nun noch mal unter Wasser, wenn wir nun eh schon gezwungen sind, hier zu bleiben. Sumbawa in eineinhalb Tagen zu durchqueren – mal sehen, ob das klappen wird. Aber koffeinhaltige Getränke sind ja sehr günstig hier in der Gegend.

Ab Bali können wir uns dann von Serpentinen und kurvigen Straßen verabschieden, müssen dann aber mit wesentlich mehr Verkehr auf selbigen rechnen.