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Reiseberichte

Flores, so schnell hatten wir nicht mit dir gerechnet

Auf dem Weg nach Kupang zeigen sich die Indonesischen Straßen von keiner besseren Seite wie die in Timor-Leste. Wir kämpfen uns die Berge hinauf und sehen unterwegs kein einziges Wegweiser-Schild. Aber da verrät uns Google Maps auf dem Smartphone, ob wir noch in die richtige Richtung fahren.
Über schmale und kurvige Straßen geht es über Atambua und Kefamenanu weiter Richtung Soe. Wer Indonesier auf der Straße erlebt hat, weiß, dass diese wohl nach dem Motto fahren „Wenn Allah will, dass wir sterben, sterben wir!“. Die Polizei ist auf den Straßen nirgends präsent und auch in Ortschaften ziehen Motorräder und „Bemos“ (Kleinbusse, die als Taxis unterwegs sind) mit 80 Sachen an anderen Fahrzeugen vorbei – direkt vor der Polizeiwache natürlich. Die Hupe kommt viel häufiger zum Einsatz als die Bremse. Das steckt teilweise an. Denn es funktioniert.

Am frühen Abend erreichen wir die Hafenstadt Kupang, nachdem wir zuvor eine Stunde an einer schmalen Bergstraße im Stau standen. Als nichts mehr vor und zurück ging, und die Leute nach dem Verlassen ihrer Fahrzeuge auf uns aufmerksam wurden, dauerte es nicht lange bis der erste uns anspricht. Und kommt der erste, folgen auch die anderen. Ob man dann will oder nicht findet man sich mit den Einheimischen beim endlosen Smalltalk wieder, soweit es die Sprachkenntnisse zu lassen. Man kann sehr schnell Sympathie bei den Einheimischen sammeln, wenn man diese mit ein paar Worten Indonesisch begrüßt. Das muss nicht viel sein und es macht Spaß.

In Kupang angekommen freuten wir uns auf Dusche und Ventilator. Ausgeschlafen holten wir am Sonntagmorgen die ersten Infos über die Fährfahrzeiten nach Flores bei einem Hostelbetreiber ein. Dabei erfuhren wir, dass am heutigen Nachmittag und dann erst wieder am Donnerstag eine Fähre gehen würde. Nach dieser Erkenntnis ging es zunächst zur Tankstelle. Ich hielt den Tankwart nicht von seinem Ehrgeiz ab, das Auto wirklich randvoll zu tanken – bei einem Preis von 6500 Indonesischen Rupiah pro Liter Normalbenzin. Das sind umgerechnet etwa 0,41 € / l. Exklusiv für die deutsche Version dieses Reiseberichts das ganze nochmal in Worten zum Mitkopieren: NULL KOMMA VIER EINS EURO PRO LITER BENZIN. Da lacht das Herz.

Nach erfolgloser Suche nach jemand, der unsere Gasflasche auffüllen könne, fuhren wir nun Richtung Nachbarort Bolok, von wo die Fähren ablegen. In dem Wissen, dass die Fähre eigentlich erst 14.00 Uhr ablegen sollte, drängten uns die Hafenmitarbeiter nach Fahrkartenkauf plötzlich dazu, das Auto schon auf den Pier vorzufahren, da es in Kürze bereits auf das Schiff gefahren werde müsse. Es war 9.45 Uhr, unsere Rucksäcke noch im Hostel und wir etwas irritiert. Nachdem wir widersprüchliche Antworten auf die Frage nach der eigentlichen Abfahrtszeit der Fähre erhalten hatten, blieb Nadine bei dem Auto und ich bin mit einem Taxi im gefühlten Tiefflug zurück Richtung Stadtzentrum gefahren um das Gepäck nachzuholen. Obwohl ich die Courage des Fahrers sehr schätzt habe, mich mit Gepäck schnell wieder zum Hafen zu bringen, war mir doch etwas unwohl: im Auto fehlten alle Gurte.
Im Hotel angekommen stellte ich mit etwa fünf Minuten einen Rekord beim Packen beider Rucksäcke sowie Laptop-Tasche und weiterer Beutel aus dem Auto auf. Als ich das alles hektisch und schwitzend gleichzeitig zum Auto getragen habe, muss ich wie ein Einwohner von Prypjat am 27. April 1986 ausgesehen haben.
Zurück am Pier angekommen hatte Nadine das Auto bereits auf die völlig enge Fähre rangiert.
Es war nun etwa 11.00 Uhr und die Fähre füllte sich mehr und mehr mit zahllosen Leuten, Motorrollern, Gütern aller Art, Eseln und Ziegen.
Noch vor Abfahrt der Fähre war unser Auto komplett von Leuten und allen möglichen Dingen umstellt. Die Leute drängten sich dicht an dicht am Auto vorbei, sogar unter unserem Fahrzeug wurden Sachen verstaut. Irgendwann konnten wir nicht einmal mehr die Türen öffnen. Keine Macht dieser Erde hätte das Auto da wieder heraus bekommen.

Gegen 14.30 Uhr legte die Fähre ab und so ließen wir die Insel Timor nun hinter uns und waren auf dem Weg Richtung Flores. Kupang war damit schneller für uns erledigt, als es eigentlich angefangen hatte.

Straße nach Atambua
Fähre nach Larantuka
Fähre nach Larantuka

Obwohl die Fähre recht offen war, so erreichte uns dennoch kaum Zugluft und so wurde es sehr stickig und warm im Auto.
Beim Beobachten der Leute konnte man schnell die unterschiedlichen Sichtweisen auf Dinge wie „Vorsicht im Umgang mit Eigentum, besonders fremden Eigentum“ feststellen: sowas gibt es hier nicht. Leute lehnten sich am Auto an, Kleinkinder spielten im Beisein ihrer Eltern an den Frontscheinwerfern herum, alte Frauen stützten sich am Seitenspiegel ab, die Motorhaube wurde als Ablagefläche genutzt.
Obwohl unser Auto nur noch einen geringen Wert hat (zum Glück!), sowieso schon von Kratzern und wenigen kleinen Dellen geprägt ist und der Lack auf Dach und Motorhaube sehr ausgeblichen ist, so kam bei mir dann doch mal der deutsche Choleriker durch: mit Hupe, lauten Rufen, abgrundtiefbösem Blick und fuchtelnden Handbewegungen machte ich den Leuten klar, rücksichtsvoller zu sein. Nadine war nicht ganz damit einverstanden.
Auch ist der Sinn für Privatsphäre oder Taktgefühl ein anderer in diesem Teil der Erde. Während viele Leute an Bord – meist sicher aus reiner Neugier – pausenlos zu uns oder ins Auto stierten, waren wir anfangs doch ziemlich genervt davon. Die Neugier der Indonesier war da eher unerwünscht. Und dennoch blieb einem kaum was anderes übrig, als sich beispielsweise mit den drei bis fünf Männern zu unterhalten, die an den Vordertüren hingen als wollten sie einem durch die Türscheibe durch einen Kuss aufdrücken.

Während die anderen oft dicht gedrängt auf dem harten Boden des Schiffes schliefen, lagen wir in unserem weichen, wenn auch stickigem Bett bei reichlich Platz. Bei dem Gedanken daran wurde einem doch gleich wieder klar, wie viel besser man es selbst in solch einer Situation hat.

Entgegen erwarteter 15 Stunden Fahrt kamen wir nach einem Zwischenstopp bei der Insel Lembata morgens gegen 7.00 Uhr in Larantuka, Flores an – nach 17 Stunden in der Fähre. Beim Entladen wollte natürlich jeder der erste sein und die Besatzung hatte keinerlei System oder Koordination aufzeigen können. Beim Sichten der Bilder hinterher stellten wir fest, dass vom Anlassen des Motors und erstem Bewegen des Autos bis zum Verlassen des keine 200 Meter langen Steges fast eine halbe Stunde verging.

Fähre nach Larantuka
Lewotobi
Lewotobi

Das Auto hat die Fährfahrt glücklicherweise ohne sichtbare Schäden überstanden. Seine beiden Fahrer kamen schwitzend und stinkend und mit einer schlafarmen Nacht davon.
Wir folgten nun der Straße in Richtung Maumere und sichteten schnell den ersten Vulkan: Lewotobi, bestehend aus zwei Kratern, säumte unseren Horizont. Zwischen sattgrüner Vegetation und hin und wieder Reisefeldern schlängelten wir uns Richtung Westen. Über den dritten Gang kommt man nur selten hinaus. Vorabvermerk für die nächste derartige Tour: Fahrzeug mit Automatik erwerben. Notiert.

Bei Entlangstreifen an Süd- und Nordküste stellen wir fest, wie ruhig das Meer ist. Zahlreiche Buchten und sattgrüne Berge und die ersten Vulkane (darunter Lewotobi und Egon) versetzen uns ins Staunen. Noch nicht lange auf Flores unterwegs, zeigt sich die Insel sofort landschaftlich von seiner prächtigen Seite.

Nachdem wir in Maumere in Genuss von Dusche, Klimaanlage und Internet gekommen sind, freuen wir uns nun ungeduldig auf die Besteigung des ersten Vulkans und Besuchs traditioneller Dörfer.